Andacht
Führe mich aus dem Kerker, dass ich preise deinen Namen. Psalm 142, 8
„Eine Unterweisung Davids, als er in der Höhle war“, so ist der Psalm 142 überschrieben. Die Worte „Führe mich aus dem Kerker, dass ich preise deinen Namen“ scheinen gut dazu zu passen. Im Kapitel 24 des Ersten Buches Samuel wird beschrieben, wie sich David auf der Flucht vor dem König Saul in einer Höhle versteckt. Und ausgerechnet in diese Höhle, in der sich der verfolgte David vor Saul zu verbergen sucht, geht gerade dieser König Saul, ohne David jedoch zu bemerken. Der Zweck, mit dem er diese Höhle aufsucht, ist jedoch ein äußerst diskreter. In der Bibel ist davon die Rede, dass er sich dorthin begibt, „um seine Füße zu bedecken“ – also, die Hosen buchstäblich herunterlässt. Und gerade in dieser für Saul äußerst prekären Situation widersteht David dem Impuls, seinen Feind zu überwältigen. Tatsächlich begnügt er sich damit, dem in dieser Lage völlig arg- und wehrlosen König einen Zipfel seines Gewandes unbemerkt abzuschneiden. Damit beweist er dem Saul später, dass er ihn durchaus hätte umbringen können – und es nicht getan hat. Als Beweis seiner guten Absichten legt David dem Saul später den Fetzen vor, den er ihm in der Höhle abgetrennt hatte.
„Wenn mein Geist in Ängsten ist, so nimmst Du Dich meiner an“, heißt es in dem Psalm weiter. So bizarr die geschilderte Situation auch sein mag, so existenziell ist doch das Gefühl der Angst und der Enge, der Isolation. Und auf diese existenzielle Erfahrung antwortet der Beter des Psalmes mit dem Ruf:
„Führe mich aus dem Kerker, dass ich deinen Namen preise!“
Der enge Kerker entspricht der Höhle, der Angst, der Beklemmung.
Und weiter heißt es, „ich schütte meine Klage aus vor ihm“. Unser Wort „Angst“ kommt sprachlich von „Enge“. Und sachlich hat die Angst mit der „Isolation“ zu tun und dem „Verstummen“, mit der „Atemlosigkeit“, dem „Ersticken“. Dagegen hilft das „Ausschütten“ der Klage vor Gott! Das ungeordnete Hervorbringen, Herauswerfen der Sorgen und der Not! „Ausschütten der Klage“. Gleich ob flüssig, oder körnig, ungeordnet – heraus damit!
Und wer klagt, wer ruft und schreit, der muss dafür atmen. Der muss Luft holen – und der erstickt schon nicht mehr. Und wer Gott anruft, der durchbricht die Isolation, die Einsamkeit. Denn in der Anrufung Gottes, begegnet uns Gott. Wer ruft, wendet sich an ein Gegenüber. Die Begegnung überwindet die Bedrohung durch die Sinnlosigkeit. Jesus stellt seinen Jüngern einmal den Geist Gottes vor. Und Jesus spricht vom „Tröster“. Er versucht erst gar nicht, den Geist zu erklären. Sondern er beschreibt ihn anhand seiner Wirkung. Wie erkennt man Gott? Nicht durch rationale Berechnung oder Definition, sondern im Trost! Erkenntnis Gottes kommt aus der Erfahrung. Dem Spüren der Nähe, dem Trost.
Und insofern können wir sagen, ist das „Ausschütten der Klage vor Gott“ nicht wesentlich unterschieden vom „Preisen Gottes“ – es ist die Anrufung Gottes im Schlechten wie im Guten. Es ist die Begegnung mit Gott.
Führe mich aus dem Kerker,
dass ich preise Deinen Namen.
Am Kreuz zitiert Jesus den Psalm 22, der diesen Zusammenhang deutlich macht:
Mein Gott, warum hast Du mich verlassen, beginnt der Psalm. Um dann wenig später zu jubeln, Du Gott, wohnst im Lobgesang.
Die Klage und das Lob Gottes sind nur zwei Seiten derselben Medaille – vor Gott gehören wir Menschen zusammen – in Leid UND in Freude.
Ulrich Kastner
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